Niš

Kurz hinter Asprovalta musste ich zunächst die Küste verlassen, um nach Thessaloniki zu kommen. Ich bin dabei aber immer auf derselben Straße geblieben, auf der ich schon seit Alexandroupolis unterwegs war. Statt dem Meer gab es nun kilometerlange Seen zu sehen.

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Da ich mir Thessaloniki etwas genauer anschauen wollte ohne extra einen Ruhetag machen zu müssen, habe ich mich etwas beeilt, so dass ich bereits um 14 Uhr in der Stadt war. Nachdem ich in einem Hotel eingecheckt habe, ging es dann auf Erkundungstour. Zunächst war ich etwas enttäuscht, da etwa 97% der Gebäude aus achtgeschossigen Mietshäusern bestehen.

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Nach einiger Zeit habe ich meine Meinung dann aber geändert. Versteckt zwischen den hohen Gebäuden findet man immer wieder Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten.

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Dazu kam noch, dass die meisten Straßen dicht mit hohen Bäumen bepflanzt sind, so dass man sich, obwohl man mitten in einer Großstadt war, teilweise wie im Wald vorkam.

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Die meisten Gebäude hatten im Erdgeschoss Kneipen, Straßencafés und Restaurants. Die Stadt kam mir wie ein gigantischer Biergarten vor. Die Kneipendichte ist in Thessaloniki noch höher als in Budapest und das will schon etwas heißen! Das liegt daran, dass die Stadt eine riesige Universität hat und die Bevölkerung daher recht jung ist. Zurzeit sind allerdings Semesterferien, so dass die Studenten in ihre Heimatorte zurückgekehrt sind und die Kneipen eher leer waren.

Am nächsten Tag ging es dann nach Norden bis ich am frühen Nachmittag die mazedonische Grenze erreichte. Hier änderte sich die Landschaft erheblich. Es wurde viel bergiger und waldiger. Es war schon eine Freude durch die grüne Bergwelt zu fahren, auch wenn die Landstraße teilweise recht stark befahren war.

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Am nächsten Tag habe ich dann entdeckt, dass eine kleine, kaum befahrene Landstraße ebenfalls Richtung Skopje führt. Dieser bin ich dann den kompletten Tag bis Skopje gefolgt. Auch hier musste ich so manchen Höhenmeter bewältigen, aber ich habe die Tour sehr genossen.

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Am späten Nachmittag kam ich dann in Skopje an. Mein Navi hat mir in der Nähe des Zentrums viele Hotels angezeigt, so dass ich dorthin gefahren bin. Ich war dann aber relativ überrascht, als ich festgestellt habe, dass es fast alles 4- und 5-Sterne-Hotels waren, wo ein Zimmer nicht unter 60 € zu bekommen war. Ich musste eine ganze Weile suchen, bis ich ein etwas heruntergekommenes Motel gefunden hatte, was halbwegs günstig war. Irgendwie kam mir der Stadtteil von Anfang an komisch vor, aber da ich zunächst mit der Hotelsuche beschäftigt war, habe ich nicht darauf geachtet. Nachdem ich im Motel eingecheckt hatte, wollte ich mir etwas zu essen besorgen und die Stadt kennenlernen. Ich bin den ganzen Abend nicht mehr aus dem Staunen herausgekommen. Als erstes fiel mir auf, dass ich hier in einer sehr islamischen Gegend gelandet war. Alle paar Meter war eine Moschee mit riesigen Minaretten zu sehen.

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An den meisten Häusern hingen albanische, kosovarische oder türkische Fahnen und zu essen gab es nur türkische Gerichte. Bislang kam mir Mazedonien sehr „jugoslawisch-christlich-europäisch“ vor. Zunächst habe ich einen Döner bestellt, der sich aber als recht klein herausstellte. Danach wollte ich mir in diversen Läden etwas Gegrilltes bestellen. Die Kellner reagierten aber fast panisch und sagten mir ich könne lediglich eine Suppe oder irgendwelche Kleinigkeiten haben. Ich hatte keine Ahnung warum. Danach dachte ich mir, dass ich wenigstens irgendwo ein kühles Bier trinken könnte. Das war allerdings noch problematischer. Sobald ich irgendwo nach Bier fragte, erntete ich nur panische oder verdutzte Blicke und meistens die gestammelte Antwort: „No beer! No alcohol!“ Inzwischen machten fast alle Läden zu, obwohl es noch nicht einmal 20 Uhr war. Auf einmal hörte man von überall die Rufe der Muezzine. Die Straßen waren wie ausgestorben. Mit so etwas hatte ich in einer europäischen Hauptstadt nicht gerechnet. Ich kam mir vor wie im Nahen Osten. Danach war ich schon kurz davor frustriert zurück ins Motel zu gehen, aber irgendwann sah ich ein Straßenschild mit dem Wort Center und einem Pfeil darauf. Da es noch früh war, bin ich also dorthin gegangen. Irgendwann kam eine Brücke über den Fluss und ich war erneut völlig überrascht. Bereits von Weitem sah man hell erleuchtete Monumente und man hörte Musik und tausende von Menschen. Hier war ich nun offenbar im europäischen Teil der Stadt gelandet.

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Zum Klang von klassischer Musik „tanzten“ eingefärbte Wasserfontänen, Kinder ließen sich nassspritzen und allgemein war dort sehr viel los. Nach der Totenstille in dem anderen Stadtviertel habe ich mich hier sehr wohlgefühlt. Das war eine europäische Großstadt. Es gab sogar Bier und in der Altstadt war auf offener Straße eine Reggaeparty. Dementsprechend hatte ich doch noch einen sehr spaßigen Abend in Skopje.

Am nächsten Morgen bin ich dann entlang einer kleinen Landstraße durch die Berge Richtung Serbien gefahren. Hier sah alles etwas kahler aus, dafür gab es aber sehr viele Dörfer auf dem Weg.

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Wieder hingen überall albanische und kosovarische Flaggen und jedes noch so kleine Dorf hatte eine riesige Moschee. Auf meinem Navi konnte ich sehen, dass die serbische Grenze nicht mehr weit sein konnte. Plötzlich war die Straße völlig von Vegetation zugewuchert, so dass dort sicherlich kein Auto mehr durchgekommen wäre. Nach einer offiziellen Grenze sah das nicht aus. Kurze Zeit später stand ich vor einem Schlagbaum und einem Container. Zunächst sah ich niemanden, so dass ich einfach „Hallo“ gerufen habe. Sofort kamen zwei schwer bewaffnete serbische Grenzsoldaten mit Hand an der Waffe herausgestürmt. Als sie aber merkten, dass ich ein deutscher Radreisender und kein albanischer/kosovarischer/islamistischer Unhold bin, waren sie aber sehr nett. Es stellte sich heraus, dass der Grenzübergang seit Jahren geschlossen ist und sie dafür sorgen müssen, dass keiner hier nach Serbien gelangt. Sie entschuldigten sich vielmals, aber sie durften mich nicht durchlassen. Stattdessen musste ich ein ganzes Stück wieder zurück und zur Hauptstraße/Autobahn und dort den offiziellen Grenzübergang nutzen. Sie schenkten mir noch eine Flasche mit eiskaltem Wasser und warnten mich noch vor den bösen Leuten in den Dörfern, durch die ich gerade schon stundenlang gefahren war.
Nach einem riesigen Umweg und einer netten Fahrt über die Autobahn war ich dann aber doch in Serbien angekommen.
Gestern ging es dann weiter Richtung Niš. Hier wollte ich mein Fahrrad für ein paar Tage stehenlassen, um mit dem Bus meinen Cousin und seine Familie in Crvenka zu besuchen. Ein paar Tage später werde ich mit dem Bus wieder zurückkehren und meine Fahrradtour fortsetzen. Da ich nicht den ganzen Tag auf der stark befahrenen Hauptstraße fahren wollte, bin ich über eine idyllische kleine Landstraße mitten durch die Berge gefahren. Es waren zwei Gipfel mit jeweils über 1000 Höhenmetern zu bewältigen.

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Es war zwar sehr schweißtreibend, aber die Strecke war wunderschön. Kurz bevor ich den zweiten Gipfel erreicht hatte, hat das Fahrrad Probleme gemacht. Im niedrigsten Gang, in dem ich die ganze Zeit bergauf gefahren bin, befindet sich das Schaltwerk den Speichen am nächsten. Irgendwie hat es sich während der Fahrt verzogen und ist mir irgendwann komplett in die Speichen geraten, so dass das Hinterrad komplett blockiert war. Ich habe dann so gut es ging alles wieder gerade gebogen. Danach konnte ich wieder fahren, allerdings hörte und spürte man die ganze Zeit ein verräterisches Knacken. Dagegen konnte ich in dem Moment nichts tun. Der nächste Fahrradladen war erst in Niš, was von dort noch 70 Kilometer entfernt war. Daher bin ich weitergefahren, bin aber nur noch 20 Kilometer weit gekommen. Dann ist mir die Kette gerissen, so dass ich gar nicht mehr fahren konnte. Ich habe dann das Fahrrad diverse Kilometer bis zum nächsten Ort geschoben. Aus den bereits beschriebenen Gründen musste ich aber irgendwie noch nach Niš kommen. Also habe ich mir dann ein Taxi bestellt, habe das Fahrrad in den Kofferraum gepackt und bin so ans Ziel gelangt. Sehr frustrierend! In Niš läuft zur Zeit irgendein Festival, so dass es fast unmöglich war ein freies Hotelzimmer zu finden. Nach langer Suche bin dann aber doch noch fündig geworden.

Heute Vormittag habe ich mich dann in den Bus nach Crvenka gesetzt, wo ich gerade diesen Blogeintrag schreibe. Dienstag oder Mittwoch fahre ich dann wieder nach Niš, lasse dort mein Fahrrad reparieren und radele weiter Richtung Montenegro.

3 Gedanken zu “Niš

  1. Einer deiner spannendsten und best geschriebenen Einträge, das Lesen hat sehr viel Spaß gemacht!

    Alternativtitel: „Die Höhen und Tiefen eines Radreisenden“

    Schöne Grüße aus Holland.
    Gute Fahrt, mein Freund!

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  2. Lieber Sebastian, wunderschön deine Fotos und Berichte. Ich bin so gespannt auf die nächsten Berichte. Viel Glück und weiterhin eine schöne Reise. Bleib gesund. Mama

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  3. Spannend, spannend….
    Das Material ermüdet nach der strapaziösen Reise so langsam, du dagegen wirkst nach wie vor unternehmungslustig, fit und munter.
    Das freut uns sehr!
    Wir wünschen dir, lieber Sebastian, nach Instandsetzung deines Fahrrads, einen komplikationsfreien und weiterhin erlebnisreichen Reiseverlauf.

    Liebe Grüße
    Dana & Rüdiger

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